Spektakuläre Katzen? Geh auf Reisen!

Es ist schon ein Weile her, damals, als meine Eltern mich noch Rumtreiber nannten. Mein Großvater meinte ich sei ein Vagabund, allerdings immer mit einem Augenzwinkern und nie, ohne mir ein paar Geldscheine in die Tasche zu stecken, heimlich natürlich.

Und diejenigen, mit denen ich die Schulbank gedrückt hatte, waren dabei die Karriereleitern zu erklimmen oder auf halbem Wege nach oben herunterzufallen. Mit deutlich vernehmbarem Neid in der Stimme bezeichneten sie mich beim ersten Klassentreffen als Globetrotter oder Weltenbummler. Einige hatten weniger schmeichelhafte Namen parat, von denen Faulpelz und Drückeberger noch die harmlosesten waren.

Ehrlich – mir war’s egal. Ich war gerade erst von einer Reise entlang der Westküste Afrikas zurückgekehrt, die mich gleich X-fach darin bestärkt hatte, weiter reisen zu wollen.

Damals, in einer Zeit, in der es kein Internet gab und an jedem Telefon noch ein Kabel hing, war es nicht ganz so einfach, einen solchen Trip zu organisieren. Gar unmöglich als Buchung über ein Reisebüro.

Mit etwas Glück und guten Beziehungen, konnte ich auf einem Frachter der Hapag Lloyd Hamburg anheuern, sodass ich inklusive meinem Motorrad nach Kapstadt in Südafrika kam und sogar noch Geld für meine Reisekasse verdiente. Ziel war, die Namib zu durchqueren, die wohl lebensfeindlichste Wüste dieser Welt. Und genau hier begegnete ich zum ersten Mal einer Kreatur, deren Aussehen so verrückt war, dass ich von da an immer und überall nach außergewöhnlichen Wesen Ausschau hielt.

Über 1.500 km ist die Namib lang, die sich wie ein schmaler Streifen entlang der afrikanischen Westküste von der Grenze zu Südafrika Richtung Norden schiebt. Leider ist der südliche Teil tabu, denn aufgrund ertragreicher Diamantenfunde ist dieser Landstrich ein streng bewachtes Sperrgebiet. Aber über die regulären Straße gelangt man nach Lüderlitz, von wo ich mit meiner Geländemaschine weiter Richtung Skeletton Beach fuhr. Etwas südlich dieses bizarr wirkenden Schiffsfriedhofs, mitten in der Wüste legte ich eine Rast ein, was einer Schlange von ungefähr anderthalb Metern Länge nicht zu gefallen schien. Das Reptil richtete sich auf und zischte und fauchte bedrohlich in meine Richtung. Dieses Erlebnis war bereits beeindruckend genug, aber nichts gegen ihr Aussehen, denn das war verwirrend und faszinierend zugleich.

Schlangenkopf Katze

Der Schlangenkopf war weder flach noch länglich, sondern nahezu kugelrund wie ein Ball, weshalb ich bis heute keine Ahnung habe, zu welcher Art dieses Reptil gehörte. Durch die runde Kopfform waren die Augen direkt nach vorne gerichtet. Dadurch hatte sich dazwischen ein kleiner Steg gebildet, was einer Nase ähnlich sah. Verstärkt wurde das Erscheinungsbild durch die weitgehend dunkle, nahezu schwarze Farbe das Reptils, dessen Gesicht deshalb aussah wie eine wütende Katze mit angelegten Ohren. Selbst ihr zischeln war nicht flüsternd, wie bei Schlangen sonst üblich. Es glich eher einem scharfen Zischen, als wenn ihre Wut über mich mit Hochdruck aus dem Maul entweichen würde.

Das Katzenbild vollständig machte ihre Körpersprache. Das vordere Körperviertel aufgerichtet wie eine Kobra, folgte am Ende auch der Schwanz. Dieser stand steif und kerzengerade senkrecht. Nur manchmal zuckte die Schwanzspitze ein wenig, so wie bei einer Katze, die bis ins Mark erregt ist. Immer wieder schnellte ihr Kopf nach vorn, obwohl die Distanz zu mir zu groß war, um tatsächlich einen Biss zu landen. Kam ihr Kopf am Ende seiner Reichweite an, federte er nicht zurück. Stattdessen schoss er gen Erdboden, etwa so wie eine Katze, die mit ihrer Tatze zuschlägt. Wäre nicht der schuppige Schlangenkörper gewesen, hätte ich diese Tier eher für eine Katze gehalten, niemals für ein Reptil.

Wie es zu dieser Anomalie gekommen sein kann, ist bis heute unklar. Ich vermute, sie hatte im Kopf ein Geschwür oder einen Tumor, was die Deformierung des Schädels erklären würde. Ich weiß noch, dass ich damals dachte, dies sei die verrückteste Katzenanomalie, die mir je über den Weg laufen würde. Nur 5.000 km nördlicher, im Grenzgebiet zwischen Guinea und der Elfenbeinküste, wurde ich erstmals eines Besseren belehrt.

Katzenaugen auf schwarz

Mein Plan war, die Savanne am Mount Nimba in Guinea zu durchqueren, grob den Senegal anzupeilen, um dann von Dakar aus meine persönliche Privatrallye durch die Sahara Richtung Paris zu starten. Jenseits des Berges, in einer faszinierend schönen Naturlandschaft mit zahllosen Wildtieren, durfte ich im Schutz eines kleinen Dorfes die Nacht verbringen.

Seinerzeit waren Europäer in dieser Region in etwa so außergewöhnlich, wie Außerirdische in New York. Also ließ der Stammesführer zwei Ziegen schlachten und die Bewohner sorgten mit ihren traditionellen Tänzen für attraktive Unterhaltung. Zu diesem afrikanischen Animationsprogramm gehörte auch ein Brauttanz, während dem unverheiratete junge Damen nach ihrem zukünftigen Ehemann Ausschau halten. Während der Darbietungen treten die jungen Frauen einzeln aus der tanzenden Gruppe hervor, um ungeniert und recht freizügig ihre Vorzüge zu präsentieren.

Ägyptische Frau mit Katze Bastet

Einer dieser Teenager von vielleicht 14 Jahren war anders. Ihre Augen waren nicht braun oder schwarz, sondern leuchteten bernsteinfarben. Und sie besaß die Fähigkeit, auch den kleinsten ihrer Gesichtsmuskeln vollständig zu beherrschen. Die junge und zweifellos sehr hübsche Dame konnte ihr Gesicht zur grotesken Fratze formen, lieblich wie ein Baby aussehen und sexy wie ein Vamp wirken.

Aber passend zu ihren leuchtenden Augen, konnte sie eine ganz besondere Maske kreieren. Dafür zog sie ihren langen Haarschopf mit beiden Händen nach hinten und nach unten. Sie tanzte ganz dicht vor mir, als sich ihr Gesicht mit der Geschwindigkeit eines Lidschlags in einen Gepard verwandelte.

Gepard Maske Frau

Ich muss zugeben, mir fuhr tatsächlich der Schreck wie ein Blitz in alle Gliedmaßen. Auf genau diese Reaktion hatten die Umstehenden offensichtlich schon gewartet, denn schallendes Gelächter erfüllte das Dorf. Diese Maske schien ihr Markenzeichen zu sein.

Nachdem sie das Kunststück mehrfach vorgeführt und meine Nerven sich beruhigt hatten, stellte ich bei genauem Hinsehen eine unverkennbare Ähnlichkeit mit einer historischen Persönlichkeit fest. Vor allem im Profil erinnerte die Afrikanerin stark den Zeichnungen und Illustrationen, die in ägyptischen Tempeln zu bestaunen sind. Vor allem, wenn sie ihr Profil zeigte, war die Ähnlichkeit mit der ägyptischen Katzengöttin Bastet überdeutlich. Es zeigte sich auch im Verlauf des Abends, das die junge Frau eine besondere Stellung unter den unverheirateten Mädchen einnahm. Ob dies mit ihrer Ähnlichkeit zur Tochter des Altägyptischen Sonnengottes Re verbunden war, vermag ich nicht zu sagen. Beschwören kann ich aber, dass diese Katze auf zwei Beinen eine spirituelle Aura versprühte. Sie hatte etwas Mystisches an sich, was jeder zu spüren schien, denn ihr wurde von allen Dorfbewohnern mit großem Respekt begegnet.

Mit Händen und Füßen erklärten mir die Männer, ihr Spitzname sei Agugbu, was in der regionalen Sprache wohl so viel wie große Katze, Gepard oder Panther bedeutet. Weiterhin erklärten mir die Männer, der Vater vorne weg, sie sei die ideale Frau mich. Ich musste den Eifer tatsächlich bremsen, sonst wäre ich wahrscheinlich noch am gleichen Abend zum Ehemann geworden. Aber ich dachte mir, wer weiß welche weiteren Tiere oder Monster in dieser ansonsten so bildhübschen Afrikanerin stecken. So zog ich es vor, mich ganz früh morgens aus dem Staub zu machen, mit der Hoffnung das Kätzchen wird irgendwann den richtigen Kater finden.

Es sollte gut zwei Jahre dauern, bis mir die nächste Katze ohne Stammbaum über den Weg lief, die weder in Brehm’s Tierleben noch im British Museum in London zu finden ist. Immer auf der Suche nach Jobs, die ins Ausland führen, war ich halbwegs glücklich für einen Hersteller von Golfausrüstungen arbeiten zu können. Die Bezahlung war zwar nicht berauschend, dafür ging es für zwei Jahre durch die gesamte Karibik, von einem Golfplatz zum anderen. Kuba war die erste Station, danach folgten St. Maarten, Trinidad & Tobago sowie die Bahamas und Haiti mit der Dominikanischen Republik gleich nebenan. Um ehrlich zu sein, gerade von Haiti hatte ich mir ein wenig mehr versprochen. Spiritualität, Verrücktes oder Bizarres. Ich hatte auf ein wenig Zombie Kult gehofft, vielleicht noch eine irre Nacht am Strand, doch dies war unter der damaligen diktatorischen Regierung vollkommen tabu.

Jamaika dagegen verband ich mit Reggae, Rum und Rasterlocken. Alles drei war reichlich vorhanden und weil mehrere Golfplätze im Aufbau oder gerade erst fertiggestellt waren, wurden zwei Rastas als Guides angestellt. Einer davon, ein flippiger Typ mit dem ungemein passenden Namen Joseph, nahm mich eines Abends mit zu einer Rasta-Party. Zwischen drei Dutzend Steeldrums und ebenso vielen Lagerfeuern wurde ausgelassen getanzt, natürlich in einer kleinen Bucht und unter Palmen, nur um das Klischee zu erfüllen. Rum gab es reichlich, nur der Lkw mit dem Dosenbier war bereits vor Mitternacht so trocken wie die Wüste Gobi.

Schwarze Katze im Rauch

Irgendwann fielen mir unter den Tanzenden zwei Mädels von Anfang 20 auf, weil sie sich einfach ganz anders bewegten als alle anderen. Jeder Schritt war geschmeidig, die Körper windeten sich zur Musik wie zwei tanzende Kobras und die Armbewegungen erinnerten stark an indische Ritualtänze vor der Todesgöttin Kali.

Ich sprach Joseph auf die beiden Jamaikanerinnen an, der sofort wusste, wen ich in der Menschenmenge meinte. Er grinste aus seinem dichten Rasta-Bart von einem Ohr zum anderen und antwortete: „Catwomen, if you’re brave, get one! If you want to stay safe, don’t cross their way!“ also „Katzenfrauen, wenn du mutig bist, hol dir eine! Wenn du in Sicherheit bleiben willst, kreuze nicht ihren Weg!“

gelbes Katzenauge einer Frau

Mit 21 war ich selbstverständlich mutig und unerschrocken, also machte ich mich daran, mir diese Katzenfrauen aus der Nähe anzusehen. Alles an beiden Schwestern erinnerte irgendwie an die Stubentiger, die bei meiner Tante im Quartett durchs Haus liefen. Und wieder waren es die Augen, die mich sofort in ihren Bann zogen. Diese beiden auf Jamaika geborenen, dunkelhäutigen Schönheiten hatten wässerig grüne, aber leuchtende Augen, fast wie das Meer an der sardischen Costa Smeralda. Damit sahen sie mich ein wenig verträumt an, konnten aber auch wie ein Dolch stechend blicken – wie ich später feststellen musste. Ihr Kopf war runder, fast wie bei einem Baby, nicht so gestreckt, wie es bei den Jamaikanern häufig der Fall ist. Das verstärkte den katzenartigen Eindruck.

Erstaunlich fand ich, dass jede ihrer Bewegungen derart betont, geschmeidig, katzenhaft war, egal was sie taten, also nicht nur beim Tanzen. Der erste Eindruck war, ich hatte zwei unkomplizierte junge Frauen vor mir. Kaum hatte ich eine angesprochen, wurde ich schon zum Tanzen aufgefordert, wenig später dazu, gemeinsam etwas zu essen. Es gab in Kokosöl gebratene Bananen mit Rohrzucker darüber, eine kalorienreiche, aber ungemein leckere Köstlichkeit. Wir aßen ohne Besteck, stattdessen wurden die Bananen auf dem Herz eines Palmenblattes aufgespießt. Dabei tropft zwangsläufig etwas auf die Finger. Beide leckten sich ihre Hände sauber, genau in der Art, wie es Katzen tun.

graue Katze fractal

Und zur Krönung wischten sie anschließend Hände und Unterarme über die dichte Haarpracht, wie Katzen vom Hinterkopf Richtung Stirn, nicht umgekehrt, wie es Menschen zu tun pflegen. Ich muss eingestehen, ich war etwas verwirrt, aber ich war auch gefesselt von diesen beiden Jamaikanerinnen, die sich sicher gut zu meiner afrikanischen Bekanntschaft Agugbu gepasst hätten.

Meine Faszination wussten die Schwestern zum Abschluss der Party noch zu steigern. Die ersten Sonnenstrahlen kratzten bereits am Horizont, als es sich die ältere Schwester Sandra im feinen Sand gemütlich machte. Dazu grub sie eine kleine, fast kreisrunde Kuhle, in die sie sich hineinkuschelte, die Knie angezogen bis zum Kinn. Fast augenblicklich folgte ihr Samantha, die jüngere der beiden, die sich an ihre Schwester anschmiegte, sodass nur noch ein großes Knäuel zu sehen war, so wie es häufig auch bei Katzen zu beobachten ist.

Ich freundete mich mit der jüngeren an, mit Samantha, was eine lehrreiche Erfahrung werden sollte. Sie bewegte sich wie eine Katze, war aber auch genauso sprunghaft und eigenwillig, dickköpfig und geradezu störrisch, mehr noch als jede Katze, der ich bis dahin begegnet war. Wir wollen zum Strand. Auf halbem Weg fällt ihr ein, sie will ihre Freundin besuchen. Dort angekommen keift sie herum, warum wir nicht am Strand sind, und weshalb ihr rotes Surfbrett nicht auf dem Autodach ist. Das hatte sie aber ihrem Bruder geliehen.

Sam erzählte mir, sie würde Garnelen lieben und könne davon nicht genug bekommen. Ich organisierte in einem Restaurant eine große Portion dieser Meeresfrüchte, die mir samt Edelstahlplatte an den Kopf geworfen wurden, denn merke: Dienstags schmecken Garnelen nicht! Heilfroh ging es für mich weiter zur nächsten Insel, begleitet von Samanthas Schimpftiraden, einem Dutzend Flüchen und von einem Joseph, dessen Gelächter mir bis heute in den Ohren hallt.

Nach Santa Lucia, Guadeloupe, Grenada und Barbados ging es aufs südamerikanische Festland. Venezuela und Guyana waren toll und Suriname ein Fehlschlag. Danach folgte die Pfefferstadt Cayenne in Französisch Guyana, die mit lateinamerikanischem Charme und Pariser Chic irgendwie ganz anders war.

Allerdings gelangten wir durch eine Fehlinformation in das französische Außengebiet, in dem damals mit dem Franc und gegenwärtig mit dem Euro bezahlt wird. Zwar gab es einen Golfklub, allerdings keinen Platz, um darauf zu spielen. Das war der oft fehlerhaften Kommunikation im Zeitalter vor Internet und Handy zuzuschreiben. Wobei – manchmal ist es bis heute nicht viel besser. Zwar wird für Französisch Guayana bei einigen Golfführern mit dem Golf de L’Anse ein 9-Loch-Parcours angegeben, doch liegt dieser im US-Bundesstaat Michigan – nicht im Nordosten Südamerikas.

Der damalige Vorsitzende des Golfclubs Cayenne – einem Verein ohne Tee, Fairway und Green, ein reicher Besitzer von Kiesgruben, Zementwerken und einem Bauunternehmen, lud uns zur Entschädigung zu einer Bootstour auf die Teufelsinsel ein. In dieser damaligen Strafkolonie waren der zu Unrecht wegen Verrats verurteilte Alfred Dreyfuss inhaftiert und ein Gefangener mit dem Spitznamen Papillon, der in Literatur und Film weltberühmt wurde.

Nach der Besichtigungstour gab es ein reichhaltiges Abendessen mit Livemusik auf der riesigen Hazienda des Industriellen. Wir saßen an einer langen Tafel im Innenhof, von wo ich eine Mädchengestalt im Laubengang des ersten Stockwerks bemerkte. Immer wieder schaute sie offensichtlich scheu zu uns herunter, verschwand wieder, um wenig später zurückzukommen. Meine fast krankhafte Neugier hatte mich schon des Öfteren in prekäre Situationen gebracht. Ich war mir dessen bewusst, konnte aber nicht widerstehen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Mit der Ausrede das Bad zu besuchen ging ich ins Haus und schnurstracks die Treppe hinauf. Ich sah das Mädchen noch weglaufen, als auch schon eine resolute Dame auf mich zustürmte, zeternd und Mordio schreiend.

Nachdem ich wahrheitsgemäß erklärt hatte, was mich ins Obergeschoss getrieben hatte, trat eine fast peinliche Still ein. Der zuvor noch so gebieterische, fast großkotzige Industriemagnat wurde sehr kleinlaut. Zögernd berichtet er, das Mädchen sei seine 22-jährige Tochter, deren Gesicht vom Schicksal grausam entstellt sei. Nach etlichem Hin und Her erlaubt er mir, Yolanda zu besuchen, so ihr Name.

Frau mit Katzengesicht

Sie hatte inzwischen mit einem Tuch den Kopf verhüllt, sodass außer den ängstlich schauenden braunen Augen mit goldgelben Sprinklern darin, nichts von ihr zu sehen war. Es brauchte seine Zeit, bis sie einwilligte und sich mir zeigte. Ich verstand zuerst nicht, was an diesem Gesicht so schrecklich sein sollte, bis ich dies äußerte – und sie daraufhin lächelte.

Katzengesicht Gestaltwandler

Sie hatte eine kaum sichtbare Hasenscharte, also eine sogenannte Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, die bei entspannter Gesichtsmuskulatur nur bei genauem Hinsehen zu erkennen war. Lächelte sie, sprach sie oder lachte gar, verspannte sich die Gesichtshaut bis hinauf zur Stirn, sodass sie dann aussah wie eine angriffslustige Katze. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch den lustigen Damenbart, denn rechts wuchsen drei, links vier schwarze Haare zur Seite hinweg, wie die Schnurrhaare einer Mieze. Den wollte sie nicht rasieren, denn sie war vom Irrglauben behaftet, die Haare würden stärker und vermehrt nachwachsen, was natürlich Blödsinn ist.

Wir blieben auf Einladung des Hausherrn noch drei weitere Tage auf dem Gut. Ich verbrachte ich viel Zeit mit Yolanda, die im Gegensatz zu Agugbu, Samantha oder Sandra so gar nicht katzenhaft war oder von ihren Bewegungen oder dem Verhalten an eine Mieze erinnerte.

Sie erzählte mir, ihr Bruder habe sie schon als kleines Mädchen wegen ihres Aussehens geneckt. Oft brachte er ihr eine Schale Milch oder warf ihr ein Wollknäuel zum Spielen zu. Wegen ihrer Entstellung sei sie nie zur Schule gegangen. Ihr Vater hätte einen Privatlehrer engagiert. Nur einmal konnte sie an einem Ausflug teilnehmen. Das war zu einem besonderen Heiligenfest, bei dem die Gläubigen nur mit Kerzen zu einer Kapelle auf einem Hügel pilgern, mitten in der Nacht. Heimlich sei sie mitgegangen, ein Tuch als Schleier über dem Kopf.

An einem Abend nutzte ich die Gelegenheit und überredete Herrn Papa zu einem Europatrip, damit seiner Tochter fachkundig geholfen wird. Zwei Jahre später hörte ich noch einmal von Yolanda. Nach einem rekonstruktiven chirurgischen Eingriff in einem Schweizer Hospital war sie schöner als jemals zuvor, was das beigelegte Foto bewies. Und sie lud mich überglücklich zu ihrer Hochzeit ein. Dieses Einladungsschreiben erhielt ich allerdings acht Monate zu spät, denn ich war zu diesem Zeitpunkt im Norden Indiens und in Nepal sowie Tibet unterwegs, irgendwo zwischen K1 und Mount Everest.

Dirk ist der Mann mit 7 Berufen; darunter auch Heilpraktiker, Psychotherapeut und Weltenbummler. Abenteurer in jungen Jahren, ebenso Tierbändiger (auch Hunde und Katzen), Reisejournalist und Buchautor. Der Vater lebt mit Hühnern, Truthähnen sowie Ananas und Bananen im Garten, wo sich auch ständig mindestens drei Katzen tummeln.

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